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19-04-2018

Interview mit Christina Brudereck

In den aktuellen Mitteilungen berichtet sie über ihr Leben in der Kommunität Kirubai.

Freiheit in Verbundenheit. Eigensinn in Eingewobenheit.

  • Liebe Christina Brudereck, Sie leben mit Ihrem Mann in einer Gemeinschaft in einem Haus – wie sieht da der Alltag aus? Gibt es feste Strukturen und Aufgaben? Gibt es eine „Chefin“/ einen „Chef“?

Wir leben seit zwanzig Jahren zusammen. Zurzeit mit elf Leuten in einem Haus mit einer Gemeinschaftsetage und vielen einzelnen Zimmern. Sechs Erwachsene, fünf Kinder. Wir teilen Küche, Wohnzimmer, Kühlschrank, Einkaufen, Kochen (und einen Kreditvertrag ;-)). Immer wieder leben auch Großmütter und Gäste bei uns. Menschen in Lebenskrisen, die spontan irgendwo unterkommen müssen. Zurzeit auch ein Flüchtling aus Syrien. Wir Erwachsenen sind alle berufstätig. Einige reisen viel. Die Jüngeren besuchen Kindergarten und Schule. Das vor allem prägt den Alltag. Dazu gibt es Rituale und Verabredungen, gemeinsame Mahlzeiten für die, die da sind, gemeinsame Gebete, Lieder, Kommunitäts-Abende und -Wochenenden. Und die Festtage. Wir engagieren uns alle in einer lokalen Gemeinde. Chef*innen gibt es nicht – eher themenbezogen Verantwortliche, Spezialist*innen, freiwillig Zuständige.

  • Wo stößt Ihr „Ich“ an Grenzen? Wo wird Gemeinschaft zu viel? Oder kommt das gar nicht vor?

Ich liebe das Bild, das Hannah Arendt wählt, wenn sie über Freiheit philosophiert: „Den eigenen Faden in ein Gewebe schlagen, das schon da ist.“ Freiheit in Verbundenheit. Eigensinn in Eingewobenheit – so erlebe ich mich im Zusammenleben. Ich webe meinen ganz eigenen Faden in ein größeres Bild. Meine eigene Spur und Farbe. Praktischer gesagt: Wir sind sehr unterschiedliche Sozial-Typen. Manche ziehen aus Gemeinschaft Kraft, andere kostet sie Kraft. Beide Typen braucht es. Die einen sind ein Gewinn mit ihrem Interesse, ihrer Neugier und Empathie. Die anderen sind ein Geschenk mit ihrer Erlaubnis, eigen zu sein, für sich und die Tür zuzumachen. Ich persönlich bin manchmal menschenmüde und diskutier-müde. Dann ziehe ich mich zurück in mein Zimmer. Oder sitze schweigend mit in der Runde am Kamin. Dann wieder koche ich gerne für alle oder bringe viele Gäste mit.

  • Was ist die größte Herausforderung in so einer Hausgemeinschaft?

Wir haben den Namen „Kirubai“. Das ist das tamilische Wort für Gnade. Sie ist die wichtigste Mitbewohnerin. Mir selber wie den anderen immer wieder zu verzeihen, dass wir alle nicht die idealen Mitbewohner*innen sind, bleibt eine Herausforderung.

  • Gibt es Momente der Einsamkeit?

Ja. Ganz sicher für uns alle. Weil wir nicht alles erzählen und erklären können, was wir anderswo erleben. Anderswo ausfechten. Anderswo an Glück finden. Gleichzeitig: So einsam zum Beispiel der Abschied von einem geliebten Menschen uns fühlen lassen kann – so sehr zeigt sich gerade in diesen Momenten auch der Zusammenhalt. Die Trauer um unsere Toten, die Geburten unserer Kinder sind Momente größter Verbundenheit. Auch die Sorge um die Demokratie, die Schöpfung, der Zusammenhalt von Familie Mensch und die Liebe zur Kirche, zu unserer Erzählgemeinschaft verbinden uns.

  • Was ist die größte Freude und der Grund, dabei zu bleiben?

Gewohnheit – im besten Sinne von Treue. Alltags-Treue, schöne selbstverständliche Verlässlichkeit. Dazu die Inspiration. Die Mitbewohner*innen wie die Gäste bringen eine Menge Ideen zusammen, verschiedene Disziplinen, Themen, Herzensanliegen, Begabungen und Schwächen. Und dann: Die Kraft, etwas zu schaffen, das wir jeweils alleine so niemals könnten. Ich bin etwa 140 Nächte im Jahr gar nicht Zuhause – mein Ideal der Gastfreundschaft zum Beispiel kann ich so nur mit dieser Gemeinschaft verwirklichen.

  • Was bedeutet die geistliche Gemeinschaft des Hauses für Ihr individuelles „spirituelles Ich“?

Die Lieder zum Beispiel, die wir singen, die wir selbst geschrieben haben, sind im Zusammenleben entstanden. Ich könnte nie sagen „Der Text ist von mir“. Auch wenn das formal stimmt. Spirituell stimmt es nicht. Denn ohne das Gottvertrauen der anderen, die mit mir glauben und für mich mit glauben, hätte ich den Text so gar nicht schreiben können. Wir singen gemeinsam „Gott der vielen Namen, der Kleinsten und der Größten...“. Die Kinder, die Omas, die syrischen Gäste, die Erwachsenen. Ich singe meine Stimme und berge mich im gemeinsamen Vertrauen.

  • Könnten Sie sich vorstellen, dass solche Hausgemeinschaften die Kirche verändern können? Bräuchten wir mehr Mutige und Neugierige, die so leben?

Sie tun es schon! ;-) Gemeinschaftsorte verändern die Kirche und die Gesellschaft. Ich meine, es braucht viele Orte, an denen Menschen mitleben, mitglauben können. Gastfreundliche Orte. Gnädige Orte. Familiäre Räume! Wo Menschen erleben, dass sie willkommen sind. Wo Generationen zusammen finden. Lebensstile. Sesshafte und Pilgernde. Eltern, Singles, Geschiedene, Kinderlose. Mütter und Tanten. Ingenieure und Schriftstellerinnen. Einheimische und Zugewanderte. Wo Scheitern Platz hat und Hoffen. Wo wir üben, die Version von uns zu werden, die wir am sympathischsten finden. Wir bekommen immer wieder Besuch von Menschen, die Interesse an diesem Lebensstil haben. Ein Rat an sie ist: Reden Sie über Ihren Traum. So finden sich Gleichgesinnte. Und dann fangen Sie an. Ich jedenfalls habe es nicht bereut.

(Christine Kucharski/ Dagmar Müller)

Interview in: Mitteilungen 1/2018
Auch im ZDF gab es vor Kurzem einen Beitrag über die Kommunität (bei „Volle Kanne“).

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