Geistlicher Impuls

Alles ist möglich!

„Prüfet aber alles! Das Gute haltet fest!“ (1.Thess. 5, 21)

Die vergangenen Monate waren eine Zeit der existentiellen neuen Erfahrungen: die Gesellschaft konnte erkennen, wer in unserem Land die „systemrelevante“ Arbeit tut, also wen wir tagtäglich für unsere Grundbedürfnisse brauchen. Das sind die Menschen, die dafür sorgen, dass wir Nahrung, Wasser und Strom haben, die uns pflegen, wenn wir nicht mehr können und uns medizinisch versorgen, wenn es auf Leben und Tod geht. Es waren keine Vorstandsvorsitzenden. Wichtig waren die Politikerinnen, die mal davon abgelassen haben, nur um sich selbst zu kreisen und ihre Arbeit verantwortungsvoll und ziemlich gut getan haben. Wir alle waren erstaunt, wie leer Autobahnen sein können, wie blau der Himmel ist durch weniger Emissionen und wie rücksichtsvoll und hilfsbereit wir sein können. Homeoffice ist nicht für jeden gut, aber für viele sind flexible Arbeitszeiten ein Zugewinn an Lebensqualität. Auch die Familienzeit war für viele eine gute Erfahrung, auch wenn man deutlich sah, dass die Frauen wesentlich mehr dieser Last getragen haben. Die andere Seite der existentiellen Erfahrungen sind weniger schön: Menschen waren einsam, Gewalt gegen Frauen und Kinder in den Familien hat zugenommen, in den Pflegeheimen konnten keine Besuche gemacht werden und Menschen sind allein gestorben. Uns fehlten die Begegnungen, die kulturellen Erlebnisse, der Gottesdienst. Und es gab und gibt viele Beschäftigte und GeschäftsbesitzerInnen, deren Existenz bedroht ist trotz aller Rettungsschirme. Einige haben aus ihrer Angst und Unsicherheit Verschwörungstheorien gemacht.

Nun sind wir dabei, wieder loszulegen, mehr oder weniger vorsichtige Schritte in ein Leben mit dem real existierenden Virus. Alles ist möglich! Das alte Hamsterrad steht still. Wir könnten die Erfahrungen, die wir gemacht haben, auswerten und daraus lernen. Die Regierung könnte mit unserem Geld klimafreundliche und zukunftsorientierte Unternehmen stärken. Wir könnten selbst neu überlegen, was wir zum Leben wirklich brauchen. Wir könnten bereit sein, mehr Geld für Fleisch zu zahlen und entsprechend weniger davon essen, damit Gastarbeiter in den Produktionen in Zukunft mit Würde und Respekt behandelt werden. Wir könnten mit unseren Kindern und Enkelkindern schöpfungsbewusster und nachhaltiger leben lernen. Wir könnten unser Konsumverhalten von kurzlebig auf langlebig umstellen, wir boykottieren einfach billigen Mist, der die Ressourcen der Schöpfung verschwendet. Und wir übernehmen Verantwortung für das, was wir mit unserem Lebensstil weltweit auslösen. Wir könnten mehr Geld in die Bildung der Kinder und in die Frauenhäuser geben. Alles ist möglich! Wenn man mal anhält, kann man über die Richtung nachdenken! Dazu ist es jetzt eine gute Zeit!

Paulus ermahnt im 1. Thessalonicherbrief die Gemeinde, nüchtern zu bleiben, sich nicht verführen zu lassen und stets das Gute zu tun! Sie sollen Frieden halten, die Kleinmütigen trösten und die, die keine Regeln einhalten ermahnen. Und er rät, alles zu prüfen, was andere Menschen ihnen als Weisheiten und Gewissheiten einreden wollen. „Prüfet alles! Behaltet das Gute!“

Die Tendenz liegt in der Luft, sich nicht allzu viele Gedanken machen zu wollen, sondern wieder beim Alten anzuknüpfen. Nicht nachdenken, nicht umdenken. Die Geschäfte sollen wieder voll werden, der Umsatz muss steigen, damit der Rubel überall rollt. Ist es das, was wir wollen? Oder haben wir die Kraft, Grundlegendes zu ändern?

Wie immer fängt es im Kleinen an.
Was möchten wir ganz konkret neu denken, neu entscheiden und tun? Wofür geben wir unser Geld aus? Können wir jetzt auch wieder die sehen, die weltweit unter ganz anderen Bedingungen durch diese Krise gehen?

Und was hat das zu tun mit unserem Verhältnis zu Gott, seiner Schöpferkraft und seiner Gegenwart in dieser geschundenen Welt? „Die Schöpfung seufzt und liegt in den Wehen“, schreibt Paulus im Römerbrief. Wir leben in der unerlösten Schöpfung, im Vorläufigen. Unsere Sehnsucht nach Erlösung ist ein Teil unseres Lebens, unerfüllt, oftmals verdrängt. Sie ist der grundlegende Schmerz unseres Lebens, dem wir immer wieder begegnen, wenn wir verletzt werden, verlieren, erkranken, sterben. Unsere Hoffnung ist, dass die Schöpferkraft Gottes uns neues Leben bringt, wenn dieses Leben zu Ende ist. Deshalb müssen wir nicht an der Vergänglichkeit verzweifeln, sondern können mit Vertrauen leben. Und mit diesem Vertrauen ist alles möglich!

Ihre Dagmar Müller
Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauenhilfe im Rheinland e.V.

 

>> PDF-Datei der Andacht