Geistlicher Impuls

Andacht zu Pfingsten 2021

Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte,Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit. (Galater 5, 22-23a)


Bepanthen für die Dünnhäutigen

Manchmal wünsche ich mir einfach ein dickeres Fell! Wenn die Nachrichten von Bombeneinschlägen in Israel berichten, von dieser sinnlosen Gewalt, oder aus dem Jemen, wo die Kinder im Bürgerkrieg verhungern. Ich wünsche mir ein dickeres Fell, damit es mich nicht kratzt, wenn korrupte Politiker an der Pandemie schamlos Millionen verdienen. Oder wenn ich lese, dass die Gewalt gegen Frauen weltweit zunimmt. Hilfreich wäre auch so eine Rinde wie „eine Eiche, die es nicht juckt, wenn die Sau sich an ihr kratzt“. Einfach mal eine härtere Kruste nach außen, mehr Schutz, weniger Angriffsfläche, weniger Empfindlichkeit.

So bin ich aber nicht! Und nicht nur ich nicht! Wer dem Auferstandenen vertraut und mit seinen Augen sieht, wer sich zu seinen Jüngerinnen und Jüngern zählt, der ist durchlässig, lässt sein Herz anrühren, lässt sich berühren. Es gab in den letzten 15 Monaten viel, was berührt hat – Furcht und Not, Einsamkeit und Tod, Einsatz bis zu Erschöpfung, Orientierungslosigkeit und auch Wut. Es ist unser Auftrag als Christ*innen, uns anrühren zu lassen, aber man kann dabei ganz schön dünnhäutig werden.

Unsere Haut ist ein Spiegelbild unserer Seele. Sie ist unsere Grenze zwischen innen und außen, unser größtes Organ. Sie lässt uns schaudern, schwitzen, erröten, erbleichen; sie brennt, juckt und blutet, und sie gibt uns Wohlgefühl und Ekstase. Stress, Angst und Überforderung machen sie krank. Auch in der Bibel zeigt die Haut einen Grundzustand des Menschen, und nach diesem Zustand wird bestimmt, wer rein und unrein ist, wer also zum Kult zugelassen ist und wer nicht. Mirjam, die Schwester des Moses, wird sieben Tage mit einem Hautausschlag geschlagen, als sie gegen ihren Bruder lästert (4. Mose 12). Und kennen Sie das Hiob-Syndrom? Es ist ein entzündlicher Hautausschlag, nach Hiob benannt, der vom Satan mit eben diesem geschlagen wird, damit er von Gott abfällt (Hiob 2,7). Und Israel wird von Jesaja (1,5) als ein Körper beschrieben, an dessen Leib keine unverletzte Hautstelle mehr ist. Die zerstörte Haut ist das Bild für das Schicksal eines ganzen Landes: sie sind unrein und können so vor Gott nicht bestehen, sie sind verloren. Die drei zentralen Ängste des altorientalischen Lebens waren Kindstod, Überfälle von Nomaden und Hautausschläge.

Juckt es Sie schon? Finden Sie das Thema ein bisschen eklig für Pfingsten? Was hat es denn überhaupt mit Pfingsten zu tun?

Pfingsten ist Bepanthen-Salbe für die Seele. Oder besser gesagt: Der Geist ist Balsam auf unsere Dünnhäutigkeit. Wenn wir zittrig sind, weil die Kräfte am Ende sind; wenn wir Panikattacken haben, weil wir überfordert sind; wenn wir heulen könnten, weil wir nicht mehr weiterwissen; und wenn wir wütend werden, weil wir hilflos sind oder wenn wir nur noch wenig spüren, dann sind es die Früchte des Geistes, die uns Widerstandskraft, Mut und Zuversicht zurückgeben können: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit. Wie eine wunderbare duftende Creme, wie das Salböl, mit dem Maria von Magdala Jesus die Füße gesalbt hat, so verwöhnt uns der Geist. Unsere Seele kann sich regenerieren und unsere Freude und unser Vertrauen wachsen dabei.
 

Vielleicht probieren Sie an diesem Pfingstfest eine geistliche Übung:

Gehen Sie in die Natur, setzen Sie sich in Stille und mit Zeit an einen Fluss, an eine Wiese, in den Wald, in Ihren Garten, dann lassen Sie sich von der Schöpfung Gottes Botschaft an Sie zuflüstern. Welches Wort kommt Ihnen nahe? Friede, Liebe, Sanftmut? Welche Frucht des Geistes ist für Sie jetzt heilsam? Welche gibt Ihnen Vertrauen? Der Geist Gottes befreit uns aus unserer Not und öffnet uns die Zukunft. Wenn wir dem Geist Gottes Raum geben, geben wir seiner Heilkraft Zugang zu unseren Seelen, und das macht sie widerstandsfähig.

Bleiben Sie behütet und bewahrt!

Ihre Dagmar Müller
Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauenhilfe im Rheinland e.V.


>> PDF-Datei zur Andacht