Geistlicher Impuls

„Kommt her, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken!“

Andacht zur Passions- und Osterzeit


Das Ende der Fastenzeit ist nahe – Zeit, in der wir uns üblicherweise in dem Bewusstsein üben, dass wir im Überfluss leben, dass weniger auch genug ist. Wir üben Verzicht auf Alkohol, Süßes oder anderen Luxus. Beim Klimafasten wird auf’s Auto verzichtet und versucht, so wenig wie möglich Müll zu produzieren. Beim Heilfasten verzichtet man auf feste Nahrung und erlebt so eine Konzentration auf innere Prozesse. Wir werden uns der Dinge und Gewohnheiten bewusst, die unser Leben vergiften und setzen uns mit den Verführungen des Alltags auseinander. Wir denken darüber nach, was Schöpfung und Leben zerstört. Fastenzeit ist Bußzeit.

Doch wie anders ist es in diesem Jahr. Wir sollen fasten, wenn wir eh schon auf so viel verzichten, was unser Leben lebenswert macht? Das passt doch irgendwie gar nicht. Man könnte doch eigentlich sagen, wir hängen in einer dauernden Fastenzeit-Schleife fest, die schon seit über einem Jahr unser Leben bestimmt. So vieles, was uns lieb ist, ist nicht möglich, und es geht gefühlt einfach nicht voran. Es erinnert an den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“, in dem ein Mann jeden Tag immer wieder am selben Datum aufwacht. Nachdem er das verstanden und akzeptiert hat, dass es einfach nicht weitergeht und dass er nichts dagegen tun kann, fängt er an, die Zeit zu nutzen. Er lernt Klavier spielen, er lernt Eisschnitzen und er wird Tag für Tag ein besserer Mensch, indem er mehr Mitgefühl und Barmherzigkeit entwickelt. Er wird aus der Schleife erlöst, indem ein anderer Mensch beginnt, ihn zu lieben.

Wir stecken fest, seit einem Jahr immer dasselbe: Jeden Tag beobachten wir die Inzidenzzahlen, den R-Wert und die Zahlen der Toten. Wir warten jede Woche auf neue Verordnungen. Dann kommt wieder die Runde von Kanzlerin und MinisterpräsidentInnen und hinterher tun sie nicht das, was sie verabredet haben. Wir hören von Corona-Ausbrüchen in Altenheimen, Wurstfabriken und nach Gottesdiensten. Die Demonstranten demonstrieren, man kann das     alles nicht mehr sehen. Diesem Ablauf von Ereignissen folgen wir seit einem Jahr. Dazu Trauer und Mutlosigkeit, kleine Zeichen der Hoffnung und Durchhalteparolen – wie im Film, immer wieder dasselbe.

Diese Zeit gefällt uns nicht. Es ist eine „weltliche Fastenzeit“, deren Ende wir nicht absehen können. Umso wichtiger und schöner, dass wir dieser unfreiwilligen Zeit des Verzichts unseren christlichen Jahresrhythmus entgegensetzen können. Und da kann Fastenzeit im Sinne der Botschaft Jesu als Zeit gesehen werden, das abzulegen, was uns unfrei macht und was uns als Last auf den Schultern liegt. So wie die Hauptfigur im oben genannten Film anfängt, etwas Neues zu entdecken, etwas anders zu machen, so können auch wir in der Fastenzeit aus dem Corona-Hamsterrad aussteigen. Legen Sie den Rucksack der Mühseligkeit ab und holen sie die schweren Steine darin raus. Was steht auf ihnen geschrieben? Einsamkeit. Traurigkeit. Müdigkeit. Wut. Verzweiflung. Sehnsucht. Sorgen. Die Fastenzeit ermutigt uns,  darüber nachzudenken, was unser Leben vergiftet und zerstört. Jesus bietet uns an, es bei ihm abzuladen.

„Kommt her, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken!“ (Mt 11,28)

Wir sind am Ende der Fastenzeit. Die Karwoche und Ostern stehen vor uns. Wir dürfen das Schwere ablegen, wir dürfen das Schöne, das Leben wählen. Jesus nimmt sich des Schweren an, er leidet mit uns, er leidet für uns. Weil er uns liebt, weil er die Welt retten will. Weil einer uns liebt, können wir neu beginnen. Wir sind nicht Gefangene der Welt und ihres Geistes, sondern wir sind die, die Lasten ablegen, Blumen pflücken und ein Glas Wein genießen dürfen – auch jetzt schon in der Fastenzeit. Wir sind die, die bereit sind, die Folgen der Pandemie zu tragen und andere zu schützen und die lieber sich regen als sich aufregen. Das alles ist möglich, weil wir mitten im schlechten Corona-Film uns gewiss werden können, dass Gott die Wirklichkeit ist, der wir vertrauen können.

Das zweite Osterfest in Stille steht vor uns. Ich werde still und vergnügt sein, leicht und lebendig. Das Schwere und meine Traurigkeit werde ich zum Kreuz bringen. Und dann dem Leben vertrauen!

„Man halte nur ein wenig stille und sei doch in sich selbst vergnügt,
wie unsers Gottes Gnadenwille, wie sein Allwissenheit es fügt;
Gott, der uns sich hat auserwählt, der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.

Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu.
Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.“ (EG 369, 3+7)


Ihre Dagmar Müller
Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauenhilfe im Rheinland e.V.

 

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