Geistlicher Impuls

Wes Geistes Kinder wir sind!

Andacht zu Pfingsten 2020

Der Turmbau zu Babel ist für mich eine der Geschichten, die uns das Wesen unserer Spezies Mensch unverschlüsselt aufzeigt. Wie ja überhaupt die ersten 11 Kapitel des 1. Buch Mose uns einen sehr klaren und wahren Blick auf den Menschen geben. 

Ich habe beim Hören der Turmbaugeschichte sofort das Bild von Pieter Brueghel vor Augen, der vor 500 Jahren seine Version des monumentalen Turms, der bis in den Himmel reichen sollte, malte. Es ist beeindruckend: Menschen, die sich abmühen, in den Himmel zu gelangen und sehen doch nicht, dass ihr Turm schon im Bauen schief steht. In der biblischen Geschichte verwirrt Gott die Menschen dadurch, dass sie sich nicht mehr verstehen können und er zerstreut sie über die Erde. 

Den Gegenentwurf zu dieser Geschichte, die Heilung des „sich-nicht-verstehen-Könnens“, stellt die Pfingstgeschichte dar. In der Apostelgeschichte wird bezeugt, wie ein gewaltiger Sturm und Feuerzungen über die Apostel und alle, die in Jerusalem waren, kamen. Plötzlich verstanden sie sich gegenseitig, obwohl sie aus den unterschiedlichsten Ländern kamen. Der Heilige Geist erfüllte sie und sie wurden mit Leib und Seele ergriffen von der Botschaft von Jesu Auferstehung und seiner Himmelfahrt. Es wurde die erste Gemeinde gegründet, von der berichtet wird: „Sie aber blieben beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet!“ (Apg 2,42) 

Leider haben die Menschen seitdem das Turmbauen aber nicht gelassen, ganz im Gegenteil, das Turmbauen hat kein Ende. Es gibt diese Türme in ganz verschiedenen Ausformungen: Die Transhumanisten möchten auf keinen Fall sterben, sondern für ewig leben. Der menschliche Geist soll in Maschinen übertragen werden. Religiöse Fanatiker, die es in jeder Religion gibt, entwickeln ihre Vorstellungen von Gottesstaaten oder von der Apokalypse. Verschwörungstheoretiker glauben, dass Bill Gates die Weltherrschaft übernehmen will und alle von den Medien manipuliert werden. Alle haben eins gemeinsam: Es sind immer kleine Gruppen von Menschen, die der Überzeugung sind, dass sie die Wahrheit haben. In diesen Tagen der Corona-Krise gehen einige von ihnen auf die Straße, es rotten sich linke und rechte Extremisten zusammen mit den Verschwörungsfantasten und Impfgegnern und auch einer Gruppe von Menschen, die Angst um ihre Grundrechte haben. Diese gesellschaftlichen Entwicklungen gibt es bei jeder Seuche, es gab sie auch schon im Mittelalter während der Pestseuche. Und ich frage mich: Wes Geistes Kinder sind die? 

Ja, das ist die entscheidende Pfingstfrage 2020: Wes Geistes Kind bist Du? 

Wir wissen, dass die ungewisse Situation, in der ein Virus, das wir mit wissenschaftlichen Mittel noch nicht beherrschen können, unser Leben und unseren Wohlstand, ja bei manchen die Existenz bedroht, Angst macht. Wir wissen, dass die Isolation, in die wir uns unfreiwillig begeben müssen, einsam macht und daraus ein Gefühl der Bedrohung und Fremdbestimmung resultiert. Wer kein Korrektiv mehr hat, der steigert sich in Gedanken hinein, die jeglicher Grundlage entbehren. Es müssen doch die Schuldigen gefunden und benannt werden. Menschen bauen sich ihre „Gedankentürme zu Babel“. Es ist der Geist der Angst und Unsicherheit, der sie beherrscht. 

Pfingsten bringt den Geist, der heilt und tröstet!

Von diesem Geist sagt Paulus im 2. Tim 1,7: „Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit!“ Was für ein wunderbarer Zuspruch! Ein Zuspruch, der eingeübt werden kann. Gerade in diesen Tagen. Wenn es an den Nerven zerrt, dass man sich nicht frei bewegen kann, dann lädt Gott Dich ein, bei ihm Ruhe zu finden!

Wenn es unsicher macht, dass andere sich nicht an diese Regeln halten, dann gibt Gott Dir die Kraft, besonnen zu bleiben und die im Blick zu haben, die gefährdet sind. Wenn die Sehnsucht nach Nähe Dich quält, gibt Gott Dir die Fantasie, wie Du für Deine Freundinnen und Familie da sein kannst. Wenn Du merkst, dass Deine Gedanken sich im Kreis drehen, dann gibt Gott Dir sein Wort – lies in der Bibel (oder auch andere schöne Bücher). Wenn Du nur noch grau siehst, dann begib Dich in Gottes Schöpfung, sie ist Offenbarung von Gottes Herrlichkeit zu Deiner Freude! Wenn Du merkst, dass aus der Tiefe ein Schmerz der Seele in Dir aufsteigt und Dir die Kraft nimmt, dann gibt Gottes Geist Dir die Kraft, Dich durch den Schmerz verwandeln zu lassen. Die Heilige Geistkraft ist die Gegenwart Gottes in uns. Sie ist die Liebe, die uns in Gottes Nähe bringt, sie ist die Kraft, die uns trägt und sie ist die Besonnenheit, die in uns Achtsamkeit und Nächstenliebe bewirkt. 

In diesem Geiste bleiben Sie behütet und bewahrt! Amen

Ihre

Dagmar Müller

Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauenhilfe im Rheinland e.V.

 

>> PDF-Datei der Andacht