Geistlicher Impuls

Das zieht einem glatt die Schuhe aus…

Wohl denen, die in deinem Haus leben. Immerzu loben sie dich.
Wohl denen, deren Stärke in dir gründet,
die in ihrem Herzen barfuß zu dir unterwegs sind.
Durchqueren sie das Tal der Dürre, verwandeln sie es in ein Quellental.
Ja, mit Segenskräften
bedeckt es der Frühregen.
Sie gehen von Kraft zu Kraft,
schauen den Gott der Götter in Zion.
Psalm 84, 5-8 (BigS)


Jedes Jahr freue ich mich auf den Moment, wenn ich Schuhe und Strümpfe weglassen und so viel wie möglich barfuß laufen kann. Für die Wege draußen reichen dann auch meist die Mokassins, in die ich barfuß schlüpfen kann. Barfuß laufen finde ich großartig. Es fühlt sich erdverbunden an, barfuß spüre ich Standhaftigkeit und Verwurzelung. Klar laufe ich auch mal mit den Zehen vor eine Ecke – das tut richtig weh – aber das gehört zum barfüßigen Leben. Genauso wie der warme Sand unter den Füßen am Strand von Spiekeroog.

„Das zieht einem ja die Schuhe aus…“ sagen Menschen, wenn sie fassungslos oder empört sind. In Socken oder barfuß zu sein, ist entblößend und macht schutzlos.

In diesem Sinne haben uns die letzten Monate wirklich glatt die Schuhe ausgezogen. Diese Zeit, in der das Virus rund um die Welt zog, hat uns vollkommen entblößt: Unsere scheinbare Sicherheit, unser kapitalistisches Wirtschaftssystem, die Ungleichheit und Ungerechtigkeit der Gesellschaftsordnung, die Vereinzelung, die zur Vereinsamung führt. Es wurde auch die Systemrelevanz von Frauen in unsere Gesellschaft als Mütter, Pflegerinnen, Kassiererinnen, Erzieherinnen und Haushaltskräfte bei gleichzeitig massiver finanzieller Benachteiligung deutlich entblößt! Da stehen wir: barfuß ohne Schuhe oder gar Stiefel. Die Krise ist noch lange nicht am Ende, es geht noch einige Zeit barfuß weiter auf diesem Weg.

In Psalm 84 hat es niemandem die Schuhe ausgezogen, sondern die Pilgerin stellt sich selbst mit nackten Füßen auf den Weg, der zu Gott führt. Barfuß unterwegs zu sein, bedeutet zumindest bei uns Schuhgewöhnten, vorsichtig, langsamer und achtsam unterwegs zu sein. Wir spüren die unterschiedliche Beschaffenheit des Untergrunds, müssen mit viel mehr Muskelkraft die Balance halten. Uns fehlt der Halt, den uns sonst Schuhe geben, aber barfuß trainieren wir die tiefer liegenden Muskeln und gewinnen die Kraft von innen, die uns mit jedem Schritt sicherer gehen lässt.

Und mit der Kraft wächst das Vertrauen! Auf dem Weg zu Gott sollen wir im Herzen barfuß gehen, in der Schutzlosigkeit liegt die Kraft. Diese Kraft bewirkt Außergewöhnliches, heißt es im Psalm. Im Tal der Dürre erwecken die Barfüßigen Quellen. Wo Trübsal ist, da können sie Trost schenken; wo Angst ist, können sie Seelenruhe bringen; wo Einsamkeit die Freude nimmt, da bringen sie Lachen; wo Depression herrscht, da bringen die Barfüßigen Beistand und halten es mit aus. Die Barfüßigen, die Schritt für Schritt auf ihrem Pilgerweg des Lebens unterwegs sind, dürfen unterwegs Aussichten auf Gott genießen. Die Barfüßigen machen sich schutzlos und stehen unter Gottes Schutz. Die, die barfuß gehen, wissen, dass sie auch an Steine stoßen werden und dass ein Kieselstrand piekt. Sie wissen, dass Matsche rutschig ist und Asphalt in der Sonne sehr heiß. Ihre Füße halten viel aus. Aber sie sind dem Leben nah, wie sie es mit Stiefeln nie sein können.

Ach wie schön ist es, barfuß im Herzen und mit den Füßen unterwegs zu sein!

Wir leben in einer Zeit, in der es uns die Schuhe ausgezogen hat. Das Barfuß-gehen-müssen, das uns die Krise aufzwingt, fordert uns als Gesellschaft, miteinander vorsichtiger und aufmerksam zu sein. Wer schon im Herzen barfuß auf dem Pilgerweg des Lebens unterwegs ist, weiß, wo die Kraft herkommt, die wir für die Balance brauchen. Lasst uns einander mit diesem Wissen dienen und beschenken! Und wer es vergessen hatte, dass wir „barfuß“ am besten unterwegs sind, die kann ja heute wieder damit anfangen! 

Ihre Dagmar Müller
Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauenhilfe im Rheinland e.V.

 

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