Andacht Ostern 2022

Ostergedanken

Wir gehören zu Jesus Christus selbst und Gott liebt uns wie Vater oder Mutter und schenkt uns durch bedingungslose Zuwendung ewigen Trost und zuverlässige Hoffnung.
Das möge eure Herzen trösten und euch für alle guten Taten und Worte stärken.
(2. Thess. 2,16.17, BigS)

Seit ein paar Jahren steht bei mir eine Nachbildung der Skulptur „Das Wiedersehen“ von Ernst Barlach. Die Skulptur zeigt das Wiedersehen des auferstandenen Jesus mit seinem Jünger Thomas, wir kennen die Geschichte. Für mich geht ein tiefer Trost von dieser Szene aus. Der Auferstandene hält seinen Jünger fest. Er greift ihm unter die Arme und lässt ihn nicht fallen, er hält und richtet ihn auf. Jesus hat schon die Welt überwunden und hält in seinen Armen einen Mann dieser Welt, der voll Schmerz, voll Trauer, voller Angst ist. Die Ewigkeit trifft die Endlichkeit und bringt Trost.

Ich mag es kaum schreiben, aber es sind wieder keine unbeschwert fröhlichen Tage, an denen wir die Auferstehung Jesu Christi feiern. Nicht nur, dass die Pandemie immer noch nicht so überwunden ist, dass wir die Masken ablegen könnten. Uns bewegt die tiefe Bitterkeit, das unendliche Elend des Kriegs in Europa. Es sind unsere Nachbarinnen und Nachbarn betroffen, ihre Familien in der Ukraine, die Menschen, die sich über Nacht in einer anderen Welt vorfanden. Wir empfangen die Flüchtlinge, wir versuchen zu helfen, fragen uns, wo der Tyrann noch hinwill. Müssen wir Waffen in die Ukraine schicken? Wir werden wieder aufrüsten! Ich schreibe bewusst wir, denn es betrifft uns alle. Wie wird sich Europa verändern? Erinnerung an Vergangenes; alte Wunden werden aufgerissen, während neue geschlagen werden.

Spüren Sie auch die Sehnsucht nach Ruhe und Trost? Könnte Jesus doch alle mal so in den Arm nehmen und aufrichten, wie er es mit Thomas tut. Könnte uns doch mal die Gewissheit erfüllen, dass die Ewigkeit der Liebe und bedingungslosen Zuwendung Gottes schon mitten unter uns ist in der heillosen Welt.

Wie und wo finden wir Trost?

Die Skulptur und der Vers aus dem 2. Thessalonicherbrief weisen uns den Weg. So wie sich der Jünger Thomas an Jesus hängt, so können auch wir uns an ihn hängen. „Wir gehören zu Jesus Christus selbst!“ schreibt Paulus seinen Brüdern und Schwestern. Wir gehören zu Christus dem Auferstandenen, der Leid, Elend, Schmach und Schande und Tod erlitt, weil Mächtige sich bedroht sahen. Der eine Botschaft verkündete, die die Hierarchien in Frage stellte und Autoritäten hinterfragte. Die Mächtigen haben nicht das letzte Wort behalten, denn der Tod konnte seinem Werk kein Ende setzen. Diese Macht Gottes über das Leben, die durch den Tod nicht besiegt werden kann, ist in allen Schrecken hier unser ewiger Trost.

Andere Osterlieder

Dieser Trost hat für mich zwei Bewegungsrichtungen, die ich in zwei Liedern finde, die allerdings keine „Osterlieder“ sind. Sie finden sich in unserem Gesangbuch in der Rubrik „Angst und Vertrauen“. Mir scheint es in diesem Jahr zu Ostern darum zu gehen, dass wir in unserer Angst uns dem Auferstandenen in die Arme legen und ihm ganz vertrauen, damit wir „ewigen Trost und zuverlässige Hoffnung“ erfahren. Mein tiefstes Trostlied ist „Befiehl du deine Wege“ (EG 361). Oft habe ich es schon mit Tränen erstickter Stimme gesungen. Die Worte haben eine erstaunliche tröstende Kraft, es ist ein „sich mit letzter Kraft in der Not an Gott anketten“. Es ist ein Trost, der im Zentrum der Seele ansetzt und sehr individuell für mich als geliebtes Kind Gottes wirkt und heilsam ist. So fühlt sich die bedingungslose Zuwendung Gottes an.

Befiehl du deine Wege
und was dein Herze kränkt
der allertreusten Pflege
des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
gibt Wege, Lauf und Bahn,
der wird auch Wege finden,
da dein Fuß gehen kann. (Strophe1)

Was ist Ihr Trostlied, das Ihrer Seele Kraft und Hoffnung schenkt?

Eine zweite Bewegung des österlichen Trostes in diesem Jahr finde ich in dem Lied „Ein feste Burg ist unser Gott!“ (EG 362), das dem „Befiehl du deine Wege“ im Gesangbuch also gleich folgt. Diese Trostbewegung führt in die Gemeinschaft, in die Stärke, in die Tatkraft. Wenn die Gemeinde mit voller Stimme dieses große Reformationslied singt, dann beschwört sie die Macht des einen, den der Tod nicht halten konnte, Jesus Christus, Sieger über den „altbösen Feind“ und die „Teufel der Welt“.

Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren;
es streit’t für uns der rechte Mann, den Gott selbst hat erkoren.
Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth,
und ist kein andrer Gott; das Feld muß er behalten! (Strophe 2)

Der Trost dieses Liedes bleibt nicht innen, er „stärkt uns für alle guten Taten und Worte“, wie Paulus in seinen Versen schreibt. Wir erleben in allem Schrecken durch Krieg und Tyrannei eine Gemeinschaft, die bereit ist, für die Werte von Freiheit und Demokratie zusammenzustehen. Widerstand, der hoffentlich nicht durch Wirtschaftsinteressen unterlaufen wird. Wir erleben auch eine große Bereitschaft in unserem Land, die Kriegsflüchtlinge aufzunehmen und zu versorgen, sie zu stärken und zu trösten. Daran müssen wir festhalten und dürfen gewiss sein, dass Gott auf der Seite der Überfallenen ist.
In all diesen Schrecken, in unserer Sehnsucht nach Trost, ermutigen wir alle, die Lieder des Trostes zu singen, die Taten der Hoffnung zu tun, beizustehen und Nächstenliebe zu üben. Wir ermutigen alle, die Zeichen des Trostes zu finden und zu teilen – die wärmende Sonne, die Grünkraft der Natur, gemeinsames Lachen, gemeinsames Singen und Beten, die Gewissheit, dass wir zu Christus gehören!
Bleiben Sie behütet und bewahrt!

Ihre Dagmar Müller,
Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauenhilfe im Rheinland e.V.
 

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