Geistlicher Impuls April 2020

Der Elia-Moment

 

 

Elia aber ging einen Tagesmarsch weit in die Wüste. Dort setzte er sich unter einen Ginsterstrauch und wollte nur noch sterben. Er sagte: „Es ist nun genug, Ewige, nimm mein Leben, denn ich bin nicht besser als meine Vorfahren.“ Er legte sich nieder und schlief unter einem Ginsterstrauch ein. Doch plötzlich berührte ihn eine Botschaft: „Steh auf, iss!“ Da blickte er auf, und wirklich, neben seinem Kopf lag auf glühenden Steinen gebackenes Brot und ein Krug Wasser. Er aß und trank, drehte sich um und legte sich wieder hin. Da kam die Botschaft der Eugen zum zweiten Mal und berührte ihn: „Steh auf, iss, denn der Weg, der vor dir liegt ist weit!“ Und er stand auf, aß und trank und ging in der Kraft der Speise 40 Tage und 40 Nächte bis zum Gottesberg, dem Horeb. (1. Kön 19, 4-8, Bibel in gerechter Sprache)

 

Letzte Woche hat mich der „Elia-Moment“ erwischt. Ich nenne ihn so, weil ich dann mit Migräne im Bett liege und wie Elia sage: „Es ist genug! Gott, ich kann und ich will nicht mehr.“ Es gibt in diesen Tagen wohl besonders viele Gründe für so ein existentielles Gefühl. Die Einsamen werden depressiv. So auf sich zurückgeworfen zu sein, abgeschnitten von anderen Menschen, ist es schwer, Ruhe für die Seele zu finden. Die, die zu Hause arbeiten und dabei die ganze Familie um sich haben, sind von der ungewohnten Situation gestresst – viel Nähe kann auch zu viel sein. Die Gewalt in den Familien steigt, weil die Auswege, die es sonst gibt, wegfallen. Die Armen und die Obdachlosen haben noch weniger als sonst – günstige Lebensmittel sind ausverkauft, die Tafeln geschlossen. Und dann sind da die, die für uns unermüdlich arbeiten in der Pflege, in den Supermärkten, bei den Sozialberatungen, auch in der Agentur für Arbeit und in den Regierungen. Da kommt ein Punkt, an dem nichts mehr geht. Es ist genug! Ich will nichts mehr hören und sehen, ich will lieber tot sein!

Elia schläft ein! Und Gott gibt ihm, was er braucht: Schlaf, dann auch Brot und Wasser! Guter Schlaf hat heilende Kraft, die Seele verarbeitet, was der Mensch erlebt hat und der Körper regeneriert und erneuert sich. Brot und Wasser sind die essentiellen Nahrungsmittel für unseren Leib. Gott stellt Elia bereit, was er braucht.

Gott stellt bereit, was wir brauchen, gerade in diesen Tagen. Ich brauche 12 Stunden Schlaf, dann Kaffee und Schokolade. Andere Menschen brauchen die Natur, einen kitschigen Film oder einen 10km Lauf. Das Gefühl, etwas tun zu können, kann in diesen Tagen helfen. Ein Licht im Fenster, ein Gespräch mit der Freundin am Telefon oder im Treppenhaus oder über den Gartenzaun - am besten alle mit Mundschutz. Frauen der Frauenhilfe nähen Mundschutze – es kann gut tun, einen sinnvollen Beitrag zu leisten. Aber es geht nicht darum, Sinnvolles zu tun. Es geht um die ganz individuelle Entdeckung dessen, was uns Kraft gibt, weiter zu gehen und durchzuhalten. Kreativität und Humor gehören auch dazu.

Elia bekommt Kraft für einen weiten Marsch zum Gottesberg. Dort begegnet er im sanften Sausen des Windes Gott und klagt ihm noch einmal sein Leid und seine Angst. Und Gott gibt ihm Weisung für einen sicheren Weg. Elia vertraut ohne Wenn und Aber und geht weiter seinen Weg, den Gott ihm weist.
Gott gibt uns Lebenskraft, Gott gibt uns Leibspeise und Seelenruhe. Die Ewige ist mit uns auf unserem Weg. Sagen Sie es weiter!

Diese Karwoche wird ganz anders als gedacht und wir es gewohnt sind. „Hosianna!“ haben die Menschen beim Einzug Jesu in Jerusalem gerufen, so haben wir es am Palmsonntag gehört - das heißt „Hilf uns!“ Die Erwartungen der Menschen, die Jesus auf dem Weg nach Jerusalem begleiteten waren hoch – und dann kam alles ganz anders. Gott gab in diesen Tagen das Beste für sie und für uns: sein tiefstes Erbarmen, Mit-Leiden bis zum Tod und Leben für die Ewigkeit.

Ich möchte Sie ermutigen, sich in dieser Woche dem auch auszusetzen: dass alles anders ist als sonst, dass unsere Erwartungen nicht erfüllt werden, dass wir in Unsicherheit und auch Furcht leben. Gott wird kommen – mit Schlaf, mit Brot, mit Wasser wie bei Elia, mit dem, was Sie brauchen. Der Ewige will uns Kraft geben, will uns trösten und Wegweisung sein. Vertrauen Sie darauf!

Ihre Dagmar Müller
Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauenhilfe im Rheinland e.V.