Geistlicher Impuls Herbst 2020

Sehnsucht nach Freiheit

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit." (2. Tim 1,7)


Die Herbstzeit beginnt, die Tage werden kürzer und wir können uns kaum noch im Freien treffen. In dieser Herbstzeit, in der die Angst vor Infektion und Krankheit wächst, tut es gut, sich daran zu erinnern, dass Gottes Zuspruch an uns der Grund ist, auf dem wir stehen und von dem aus wir handeln. Es ist gut, sich immer wieder neu daran zu erinnern, dass Gott uns Hoffnung schenkt, wenn wir nicht mehr weiter wissen. Und es tut auch gut, sich daran zu erinnern, dass Gott uns seinen Geist schenkt, der uns trägt und leitet.

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit."

Im Herbst 1989 hat die Sehnsucht nach Freiheit Menschen dazu motiviert, in Leipzig und anderen ostdeutschen Städten mit Kerzen auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren: für Reisefreiheit, aber auch für Meinungsfreiheit, für Religions- und Glaubensfreiheit, für Redefreiheit, Wahlfreiheit, Pressefreiheit, Demonstrationsfreiheit, Gewaltfreiheit… - „Für ein offenes Land mit freien Menschen“ stand in schwarzer und roter Schrift auf den weißen Stofftransparenten. Was gab ihnen die Kraft, ihre Angst zu überwinden und sich mutig dem Staat zu widersetzen?

Der innere Prozess, den es brauchte, um 1989 mit Kerzen in den Händen loszugehen, begann schon Jahre und Jahrzehnte zuvor. Sie trafen sich in Friedens- und Umweltgruppen, in Kirchen und Gemeindehäusern oder auch in privaten Wohnungen. Hier hatten sie geschützte Räume, in denen sie es wagten, frei zu reden – wohl wissend, dass sie bespitzelt wurden. Die Menschen in der ehemaligen DDR wollten frei sein! Ihre Sehnsucht nach einem lebenswerten Leben in Freiheit war stärker als ihre Furcht. Mit hohem persönlichem Einsatz und hohem Risiko kämpften sie für Grundrechte, die ihnen verweigert wurden, für Frieden, Freiheit und Menschenwürde. Bei ihrem Vorhaben spürten sie den Geist Gottes und erlebten, dass mit Gebeten und beherztem, friedlichem Engagement Veränderungen möglich sind: Die friedliche Revolution führte am 9. November 1989 zum Mauerfall, und am 3. Oktober feiern wir dieses Jahr 30 Jahre Deutsche Einheit.

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit."

Der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit will auch uns zu einem verantwortungsvollen Umgang mit den aktuellen Bedrohungen der Freiheit bewegen. Dazu gehören die Auswirkungen des Klimawandels ebenso wie die Herausforderungen durch die Corona-Krise oder auch der Umgang mit Geflüchteten. Weltweit befinden sich Millionen Menschen auf der Flucht. Krieg und Gewalt, Verfolgung und Klimakatastrophen sind Ursachen dafür, dass sie ihre Heimat verlassen müssen und bei uns und in anderen Ländern Zuflucht suchen. Wir dürfen nicht aufhören, immer wieder dafür zu kämpfen, dass Menschen in Frieden und Freiheit leben können. Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschenrechte in Frage gestellt und mit Hassparolen Ängste geschürt werden. Gott will, dass wir respektvoll miteinander und mit der Schöpfung umgehen, und er schenkt uns Ideen und Kraft dafür.

Kraft, Liebe und Besonnenheit haben sich in dieser Corona-Zeit auch unter uns ausgebreitet, z.B. in der Art, wie wir planen, wie wir Ideen entwickeln und umsetzen und wie wir überlegen, was in dieser Zeit geht, und auch, was wir jetzt besser nicht machen sollten. Die Kraft und die Liebe und die Besonnenheit sind da – und sie sind größer als die Furcht.

Ihre Christine Kucharski
Theologin, Öffentlichkeitsreferentin der Evangelischen Frauenhilfe im Rheinland e.V.

 

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