Monatsandachten

Juli 2022

Eine andere Art von Wurzeln

„Du machtest Platz für sie, ließest sie Wurzeln schlagen, so dass sie das Land erfüllte. … Sie breitete ihre Ranken aus bis zum Meer, bis zum Eufrat ihre Schösslinge.“ (Psalm 80,10+12)

In einer Andacht sollte allen Teilnehmenden ein Bambusstock überreicht werden. Ich wusste so gut wie nichts über diese Pflanze, also machte ich mich kundig.
Schon bald verlor ich mich im grenzenlosen Wissensangebot des Internets, aus dem mir eine Information besonders ins Auge stach: Die Bambuswurzel ist von besonderer Art. Sie wird „Rhizom“ genannt. So bezeichnet man in der Botanik ein meist unterirdisch oder dicht über dem Boden horizontal wachsendes Sprossachsensystem. Es kann an jeder beliebigen Stelle zerbrochen werden, es wuchert dann einfach entlang eigener oder anderer Linien weiter und verknotet sich neu. Man spricht vom „Prinzip des asignifikanten Bruchs“.

Um weitere Informationen zu sammeln, wanderte ich im Internet von einem Knotenpunkt (=Link) zum anderen und plötzlich wurde mir bewusst, dass ich mich in einem rhizomartigen Geflecht befand. Und tatsächlich entdeckte ich ein paar Links später, dass dem Internet mit seinem Verweis-Knoten-Konzept eine „rhizomorphe“ Struktur zugeschrieben wird. Schließlich erfuhr ich noch, dass das „Rhizom“ Grundlage einer in den 1970er Jahren entwickelten Philosophie ist. Sie sieht die Organisation unseres Wissens und unserer Welt nicht länger hierarchisch-logisch aufgebaut wie ein Baum, sondern wie ein in die Breite ausuferndes Buschwerk ohne hierarchische Strukturen. Wichtige Stichworte sind Vielfalt, Verknotung, Vernetzung, Verzweigung. Mir wurde schnell klar: Das Rhizom ist ein Abbild unserer Lebenswelt mit ihren unzähligen Vernetzungs-, Kommunikations- und Kombinationsmöglichkeiten. Für manche eine weite, offene Welt voller Chancen, für andere ein Labyrinth, in dem man sich zwischen verbarrikadierten Lebenswegen, abgerissenen Kontakten und unvollendeten Plänen verlieren kann.

Da ist die junge Frau aus Westafrika! Nach grausamen Erlebnissen flüchtete sie aus ihrer Heimat, wurde auf dem Irrweg nach Deutschland schwanger und schlägt nun vorsichtig in Berlin Wurzeln. Allen Widrigkeiten zum Trotz lernte sie Deutsch, machte eine Ausbildung zur Altenpflegehelferin, fand einen Arbeitsplatz, eine Wohnung und einen Kitaplatz für ihren Sohn. Sie brachte das lange Asylverfahren hinter sich und hat nun ein Bleiberecht. Der nächste Schritt wäre die Einbürgerung. Doch die Herkunftsdokumente reichen nicht aus. Schon wieder eine Sackgasse, wie so viele in den letzten Jahren? Die Brüche in ihrem Leben sind unzählige und dennoch schafft sie es immer wieder, daraus „asignifikante“ Brüche werden zu lassen. Die Japaner sprechen von einer Bambusmentalität: flexibel und stark zugleich. Sie selbst nennt es Gottvertrauen.

In Psalm 80 (V. 9-12) erinnert der Psalmist an die Flucht des Volkes Israel aus Ägypten. Gott - so sagt er - hat Israel wie eine Weinrebe aus Ägypten gezogen, für sie neues Land bereitet und sie in fremder Erde wurzeln lassen. „Sie breitete ihre Ranken aus bis zum Meer, bis zum Eufrat ihre Schösslinge.“

Die feste Verwurzelung am bleibenden Ort gab es für das fliehende Volk genauso wenig wie für die junge Afrikanerin und die Millionen Flüchtenden unserer Zeit. Sind sie deshalb alle wurzellos und unheilbar gebrochen? „Nein!“ sagt der Psalmist, „sie nehmen doch ihre Wurzeln mit auf die Flucht!“ Und Gott, ein Fachmann für asignifikante Brüche, pflanzte die Rebe an anderem Ort wieder ein und verschaffte ihrer Wurzel weiten Raum für neue Triebe.

Für das Volk Israel war der Glaube an Gott die Wurzel, die sie mit sich trugen. Für die junge Afrikanerin ist es ihr unerschütterliches Vertrauen auf Gottes Hilfe, sind es die neuen Freundinnen, ist es aber auch die zerrissene Geschichte ihres Lebens, die sie stark macht, an anderer Stelle immer wieder neu anzuknüpfen.

Das, was wir in uns tragen, lässt uns am fremden Ort Wurzeln schlagen und wachsen. „Ha-Schem, Gott der Himmelsmächte, stelle uns wieder her! Lass dein Angesicht leuchten, dann sind wir gerettet.“ (Ps 80, 20)

Brigitta Müller-Osenberg
(in: Evangelische Frauenhilfe im Rheinland (Hrsg.), Andachten 2022. Unsere Wurzeln - unsere Kraft. 24 Andachten durch das Kirchenjahr)


Gebet

Gott, Ewige,
wir bitten dich für die Menschen,
die nicht bleiben können,
wo sie glaubten, zu Hause zu sein;
wir bitten dich für die Menschen,
deren Lebenspläne zerstört wurden
und die nicht wissen, wie es weiter geht;
wir bitten dich für die Menschen,
die getrennt wurden von den Vertrauten,
die ihr Leben begleiteten;
wir bitten dich für die Menschen,
die sich überwältigt fühlen
von Unsicherheit und Ungewissheit.
Gott, Ewige,
lass sie erfahren, dass sie deine Kraft in sich tragen;
dass du ihnen Wege bereitest,
Luft zum Atmen, Raum zum Wachsen
und Geborgenheit.
Lass sie deinen Namen anrufen und leben.
Amen
 

Liedvorschläge

Miriamlied (EG 680)
Du bist meine Zuflucht (Das Liederbuch. Lieder zwischen Himmel und Erde 201)
Kleines Senfkorn Hoffnung (Das Liederbuch. Lieder zwischen Himmel und Erde 344)

 

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Unsere Wurzeln - unsere Kraft
Wurzeln geben Halt und einen festen Stand. Wurzeln geben Sicherheit und sie erden uns. Wurzeln transportieren aber auch Wasser und Nahrung, sie nähren…
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