Andacht zum Advent

Glaube, Liebe, Hoffnung

Energie für leere Seelen-Akkus

Das Jahr 2021 neigt sich seinem Ende entgegen und wenn man sich die „Lage der Nation“, die Lage der globalen Welt-Gemeinschaft, der Schöpfung und unserer Seelen ansieht, war es wirklich wieder anstrengend. Neben den Herausforderungen, die die Corona-Pandemie mit sich brachte (und wer kann das Wort Pandemie eigentlich noch hören, ohne zu stöhnen?), gibt es die Herausforderungen der notwendigen Veränderungen unseres gesamten Lebensstils und dazu die Veränderungen in unserer bisher so komfortabel ausgestatteten Evangelischen Kirche im Rheinland. Es gab eine katastrophale Flutwelle mit großer Zerstörungskraft mitten unter uns im Gebiet unserer Landeskirche.

Aber bevor wir gedanklich in ein Jammertal rutschen, lassen Sie uns erstmal einen Blick in die Richtung werfen, in der die schönen Dinge des Jahres aufgestapelt stehen! Wofür können wir dankbar sein? Wählen Sie aus dem großen Angebot des Gelungenen aus, vielleicht aus folgenden Beispielen: Wir haben eine Impfung gegen das Virus zur Verfügung. Wir hatten viel notwendigen Regen in diesem Jahr. Wir haben eine funktionierende Demokratie, in der freie Wahlen stattfinden können. Es gibt viele junge Menschen, die sich für ihre Zukunft engagieren. Es gab viel Nachbarschaftshilfe und einen großen Einsatz für die Flutopfer. – Nun fügen Sie dem noch zu, was Sie selbst alles Gutes erlebt haben in der Familie, im Freundeskreis, in Ihrem Umfeld. Welche schönen Bücher haben Sie gelesen, welche Tänze getanzt, welche schönen Wege sind Sie gegangen und wie viel Kinderlachen haben Sie gehört, was hat Sie getröstet und wer hat ein gutes Wort zu Ihnen gesprochen? Der Blick auf diese Freudengaben gibt uns Mut, auf die andere Seite mit den dicken Säcken voller Herausforderungen zu schauen, die unsere Aufmerksamkeit, unseren ganzen Willen und unsere Arbeit braucht!

Ja, wir sehen es – und wir fühlen zugleich unsere leeren Seelen-Akkus. Der Energievorrat ist schon im kritischen Bereich, gefühlt unter 15 %. Da kommt neben der 3. Impfung auch die Advents- und Weihnachtszeit gerade recht. Das ist die Zeit, in der unsere Sehnsucht nach Heil und Heilsein groß ist, die Sehnsucht nach dem Licht in der Dunkelheit, nach Frieden und Hoffnung für die Welt. Dies ist die Zeit, in der Gott uns jedes Jahr wieder mit unseren Energiequellen in Verbindung bringt.
Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei sind die ultimativen Ladestationen für eine lange „Laufleistung“.

Glaube ist Vertrauen in die Existenz einer alles umfassenden Gottheit, die Gewissheit, dass dieser Gott in meinem Leben Bedeutung hat, so wie mein Leben für ihn Bedeutung hat. Dazu die Erfahrung, dass die Ewige auch in mein Leben hineinwirkt. Die Adventszeit lädt ein, sich der Gegenwart Gottes wieder zu öffnen. Jeden Tag können wir einen Ort, einen Platz aufsuchen, an dem wir uns Gottes Gegenwart öffnen. Es kann am Küchentisch sein, eine Kerze anzündend und 20 Minuten der Stille üben, die Tageslosung bedenken. Es kann ein Besuch in der leeren Kirche sein, im Wald bei einem Spaziergang, im eigenen Garten – einfach da sein und Gott empfangen, mit ihm sprechen oder schweigen. Glauben heißt, nicht haltlos zu sein, wenn unsere irdischen Gewissheiten ins Schwanken geraten. Glauben heißt, sich auch in dem Moment, in dem man sich von Gott verlassen fühlt, an Gott zu wenden. Glaube befreit, wenn das Leben keine Antwort auf die Fragen nach dem Warum gibt. Vertraue nur – DU bist ein Kind Gottes!

Liebe ist ein Grundnahrungsmittel für unsere Seelen – sowohl die Liebe, die wir empfangen als auch die Liebe, die wir geben – beides ist gleichbedeutend. Die Liebe ist eine große Kraft, die dem Menschen hilft, über sich selbst hinauszuwachsen, Ängste zu überwinden, ja sich selbst zu überwinden. Die Liebe fragt nicht zuerst nach sich selbst, sie ist großzügig und freigiebig. Zur Wahrheit gehört auch, dass die Liebe das wunderbarste Gottesgeschenk ist, aber auch das Einfalltor zu viel Leid. Die Liebe ist deshalb auch mit Verantwortung verbunden und sie ist zutiefst mit Vergebung verbunden. Sich der Liebe im Advent zuzuwenden, heißt zum einen, mit der Liebe Gottes beschenkt zu werden: „Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass sie ihren Erwählten, ihr einziges Kind, gegeben hat, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern ewiges Leben haben.“  (Joh 3,16 BigS) Die Botschaft des Kindes ist die Liebe Gottes zu den Menschen und die Versöhnung der Welt mit Gott. Deshalb ist die andere Botschaft der Liebe im Advent: Übt auch Vergebung und Versöhnung miteinander! Liebe und Versöhnung sind ein Geben und ein Bekommen und darin untrennbar verbunden – nur Geben oder nur Bekommen ist nicht möglich. Gott liebt Dich! Sag es Dir, jeden Tag im Advent!

Selbst als Pessimistin und Skeptikerin erlebe ich selbst immer wieder die große Kraft der Hoffnung, die den Menschen antreibt. Hoffnung wirkt oft so unvernünftig, wenn man sich die reale Lage ansieht. Aber die Hoffnung ist dann das, was die Menschen zupacken lässt, was ihnen übermenschliche Energie gibt und sie vorantreibt. Diese Hoffnungsenergie ist ein Lebensmotor, ein überlebensnotwendiges Bauteil unserer Seele. Und wenn der eine nicht mehr hoffen kann, dann hofft die andere für ihn mit. Worauf hoffen Sie? Und welche zerschlagenen Hoffnungen tragen sie mit sich herum?
Advent und Weihnachten führen uns jedes Jahr wieder auf die Hoffnungsspur Gottes. Unsere ganzen Sehnsüchte nach Liebe, Geborgenheit, Frieden und Heil nimmt er auf, indem er selbst Mensch wird. Und weil wir ja wissen, dass die Geburt Jesu erst der Anfang ist und sein Leben über den Tod hinausgehen wird, bekommt unsere christliche Hoffnung eine Dimension, die über unsere irdischen Hoffnungen hinausweist. Gott kommt und wohnt unter uns Menschen – nur kurz, aber so, dass wir über 2000 Jahre später noch davon erzählen. Es sind Jesu Worte, die uns bis heute Wegweiser sind. Es sind seine Liebe und seine Hingabe, von denen die Evangelien erzählen, die uns ihm nachfolgen lassen. Wir sehen die Spuren des Himmelreichs, die er gelegt hat, und die Funken des Lichts aus der Ewigkeit, die er schon gezündet hat. Wir sollen sie hier weitertragen und das tun wir auch. Unsere Hoffnung gründet auf Glauben und Liebe, sie ist sozusagen das ultimative Weihnachtsgeschenk jedes Jahr.

So können wir unsere Seelenenergie im Advent wieder auffüllen mit Glaube, Liebe und Hoffnung. Sie tragen durch das kommende Jahr. Nehmen Sie sich die Zeit, lesen Sie ein Evangelium (die Bibel gibt es auch als Hörbuch), zünden Sie ein Licht an, suchen Sie Stille mit Gott, erzählen Sie sich von den Hoffnungszeichen, die Sie in der Welt sehen.
Lassen Sie sich stärken und einhüllen von den Verheißungen Gottes, von der Botschaft, die unser Leben lebenswert macht! Amen

Dagmar Müller
Leitende Pfarrerin der Evangelischen Frauenhilfe im Rheinland e.V.

 

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