Monatsandachten

Andacht Januar 2021

Gott verschafft Freiheit und Überblick

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ (Psalm 31, 9b)

Jahreswende 1989/1990. Am 9. November, diesem ansonsten so besudelten Tag in der deutschen Geschichte, haben sich Mauer und Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten geöffnet, die Menschen sind auf der Mauer in Berlin herumgetanzt und in Scharen nach Westberlin und in die Bundesrepublik herübergewandert – und wieder zurück nach Hause gegangen. Der Pfarrer unse­rer Partnergemeinde, den ich mit seiner Frau zu Silvester zu mir eingeladen habe, predigt im Gottesdienst am Altjahrsabend. Sein Text: Psalm 31, 9b, „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Was für ein Gottesdienst- und Predigterlebnis!

Nun, etwas über 30 Jahre später, stehen wir wieder an einem Jahreswechsel, und der Andacht liegt der gleiche Text zugrunde wie damals: Psalm 31, 9b, „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“

Hinter uns liegt ein ganz anderes Jahr. An dem Zeitpunkt, zu dem ich diese Andacht schreibe, stecken wir mitten in einer der größten Krisen der Nachkriegszeit. Der Alltag ist bestimmt von der Corona-Pandemie, die die ganze Welt erfasst hat. Wir haben uns gravierende Einschränkungen der Grundrechte auferlegen lassen. Religionsfreiheit – Gottesdienste in Kirchen, Synagogen und Moscheen sind verboten. Freizügigkeit, Versammlungsfreiheit, Recht auf Bildung – wir sind Kontaktsperren und Demonstrationsverboten ausgesetzt, die Kinder dürfen nicht zur Schule und in den Kindergarten gehen. Unsere Eltern, Kinder, Verwandten, Freundinnen und Freunde sehen wir wochenlang nicht. Aus Gründen der Vernunft lassen wir uns auf all das ein, ohne zu wissen, wann es vorübergeht. Und weil allzu viele das nicht lange aushalten können und weil Wirtschaft und, mit ihr im Bunde, Politikerinnen und Politiker allzu früh auf Lockerungen drängen, wird sich Infektionswelle um Infektionswelle durch das Land ergießen mit dem entsprechenden Auf und Ab von Einschränkungen und Lockerungen und neuen Einschränkungen… Ich glaube nicht, dass wir das zur Jahreswende 2020/21 schon wieder los sein werden.

Da ist nichts mehr von dem weiten Raum, auf dem unsere Füße stehen, ganz buchstäblich und auch innerlich. Da ist Angst. Und Angst entsteht in der Enge und macht eng.

Merkwürdigerweise ist es aber genau dieses Auf und Ab, das mir auch Trost- und Hoffnungsperspektiven eröffnet. Denn der Psalm 31, aus dem der Vers stammt, ist von genau so einem Auf und Ab gekennzeichnet: „Herr, auf dich traue ich...“, „Herr, sei mir gnädig, denn mir ist angst!“, „… ich bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß“, „Ich aber, Herr, hoffe auf dich...“ Auch hier ein ständiger Wechsel von Angst und Vertrauen, Hoffnung und Furcht. Und am Ende: „Seid getrost und unverzagt alle, die ihr des Herrn harrt.“

Du bist nicht allein, sagt mir damit der Psalm. Denn du bist nicht die erste und nicht die letzte, die so hin- und hergeworfen ist. Du bist nicht allein. Denn Gott lässt dich nicht allein. Er ist bei dir in all deiner Sorge und Unruhe; er teilt sie und führt dich schließlich hinaus. Er nimmt dir die Angst. Er stellt deine Füße auf den weiten Raum, den du brauchst, der dir immer wieder genommen wird, den du ersehnst und den du dir immer wieder erkämpfen musst – mit seiner Hilfe. Er verschafft dir Freiheit und den Überblick, der dich erkennen lässt, wann und wo du aufbegehren musst gegen alle Einschränkungen und wann und wo du sie weiter erdulden solltest. Er schenkt dir Augenmaß und Zorn, Mut für den Kampf und Gelassenheit für die nötige Atempause.

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ – Was für ein wunderbares Gottesgeschenk! Was für eine schöne Begleitung durch das Jahr 2021! Amen.

Dr. Sabine Zoske
(in: Evangelische Frauenhilfe im Rheinland (Hrsg.), Andachten 2021. Vom Geist der Freiheit. 24 Andachten durch das Kirchenjahr 2020/ 2021)

 

Gebet

Gott, du stellst unsere Füße auf einen weiten Raum.
Wir danken dir für dieses schöne Geschenk aus deiner guten Hand.
Hilf uns, es in aller Freiheit zu gebrauchen,
zu deinem Lob und zu unserem und aller Menschen Guten.
Nimm uns die Angst, die uns so oft daran hindert.
Lass uns alle Enge verlassen und – in diesem Sinne – das Weite suchen.
Amen
 

Lieder

EG 58, 1-5 + 7   Nun lasst uns gehen und treten
EG 432   Gott gab uns Atem

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