Monatsandachten

Andacht Dezember 2021

Der Stern in der Wurzel

„Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.“ (Jes 11,1)

„Es ist ein Ros entsprungen, aus einer Wurzel zart“ – so ein schönes Weihnachtslied. Der Text geht zurück auf Worte des Propheten Jesaja: „Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht tragen. Und es wird geschehen zu der Zeit, dass das Reis aus der Wurzel Isais dasteht als Zeichen für die Völker.“ (Jes.11,1ff) Diese alte Verheißung, dass aus dem Stamm und Geschlecht des berühmten Königs Davids einmal der Messias und Retter der Welt kommen wird, ist auf Jesus übertragen worden.

Jesus ist verwurzelt in der Verheißungsgeschichte seines Volkes. Er ist hineingenommen in den Bund, den Gott mit Israel geschlossen hat. Durch ihn, Jesus Christus, gehören wir mit in diesen Bund, sind, wie es der Apostel Paulus ausgedrückt hat, neue Zweige, eingepfropft in einen alten Ölbaum mit tiefen Wurzeln. Und der Apostel mahnt uns im Römerbrief: „Vergesst nicht, nicht ihr tragt die Wurzel, die Wurzel trägt euch.“ (Röm 11,18)
Oft genug hat die christliche Kirche ihre jüdischen Wurzeln vergessen oder brutal gekappt, wollte nicht wahrhaben, dass Christus in der Tradition des jüdischen Volkes und seines Glaubens steht. In der arischen Blut- und Boden-Besoffenheit der Deutschen Christen wurde aus dem jüdischen Kind einer jüdischen Mutter gar ein arisches blondes Baby, gezeugt von einem heldischen römischen Feldherrn. Wir besinnen uns nur selten auf unsere jüdischen Wurzeln, obwohl die ganze Palette christlicher Riten und Symbole aus dem Judentum stammt. Tief gründen die Wurzeln unseres Glaubens im Glauben des Judentums.

Glaube braucht Wurzeln. - Menschen brauchen Wurzeln. Viele fühlen sich in den adventlichen Wochen besonders heimatlos und ruhelos. Und man kann auch ein Haus haben und sich trotzdem nicht zu Hause fühlen.

Jedes Jahr schmücke ich meinen Adventskranz mit roten Kerzen, einem silbernen Stern und einem Wurzelstück. Ich weiß nicht, von welchem Baum sie stammt. Eine knorrige Wurzel, die sich ausgestreckt hat, um Halt zu bekommen, festgehalten von der Erde, die Nahrung gibt für die ganze Pflanze. Unscheinbar sieht sie aus, aber im Verborgenen lebt ihre Kraft. Bergische Wurzel aus bergischer Erde. Viele Menschen sind tief verwurzelt im bergischen Brauchtum. Andere mussten durch Krieg und Flucht ihre Wurzeln kappen und hier in fremder Erde neu Wurzeln schlagen.

Eine Wurzel verhilft zur Standfestigkeit, gibt mir Boden unter den Füßen. Wer zu Weihnachten keine Wurzeln hat, ist arm dran, weiß vielleicht nichts mehr anzufangen mit den Liedern und Texten, Ritualen und Bräuchen. Vielleicht haben Sie es selbst erlebt: Weihnachten ist ein Fest der Traditionen, der Wurzeln. Es kann schief gehen, wenn ich alles ganz anders machen will. Wenn ich Weihnachten jedes Jahr neu erfinden will, na dann gute Nacht, aber keine „Stille Nacht“. Manche versuchen Weihnachten abzuschaffen, schimpfen auf Kommerz und Konsum, fällen den Weihnachtsbaum und versuchen die Wurzel mit herauszureißen. Da sitzen sie dann in der Kneipe und auf Mallorca und sind doch nicht entkommen.

Weihnachten hat tiefe Wurzeln. Die Rose, die am Stamm Isais sprosst, braucht ihre tiefen Wurzeln, um durch die Jahrhunderte blühen zu können. Die Rose Jesus blüht aus jüdischer Wurzel. Bis heute. Dennoch. Ihre Wurzeln gründen tief, auch in meinem Leben. Sie verzweigen sich und bringen an unerwarteter Stelle zarte Pflänzchen hervor.

Adventszeit, stille Zeit; wir gehen zu auf die Geburt des Gotteskindes. Das kleine Kind in unscheinbarer Armut, die verborgene Wurzel, die den Spross hervorbringt, der verwunschene Ort in irgendeinem Winkel der Welt – alles sieht so beiläufig und unwichtig aus. Und doch geschieht in dieser Verborgenheit ein Durchbruch: Gottes Kraft wirkt in dieser Schwachheit. Die Sternstunde der Menschheit: Gott selbst wird geboren. Es sprießt und keimt und formt sich und nimmt göttliche Gestalt an. Von innen her, von der Wurzel an, wird die Welt erneuert, auch wenn außen manches vergeht. Das ist ein besonderes Kennzeichen der Weihnachtsgeschichte: sie breitet sich aus, wie Wurzeln sich ausbreiten, bevor man noch etwas von den Sprossen sieht. Alle Völker sollen davon etwas spüren, es lässt sich nichts mehr verheimlichen, die große Sehnsucht wird erfüllt: Friede auf Erden durch Gerechtigkeit für die Armen.

Gebe Gott, dass die Weihnachtsfreude in unseren Herzen Wurzeln schlagen kann. 

Claudia Posche

(in: Evangelische Frauenhilfe im Rheinland (Hrsg.), Andachten 2022. Unsere Wurzeln - unsere Kraft. 24 Andachten durch das Kirchenjahr 2021/ 2022)
 

Gebet

Herr, wie ein Baum sei vor dir mein Leben,
Herr, wie ein Baum sei vor dir mein Gebet.

Gib Wurzeln mir, die in die Erde reichen,
dass tief ich gründe in den alten Zeiten,
verwurzelt im Glauben meiner Väter und Mütter.

Gib mir Kraft, zum festen Stamm zu wachsen,
dass ich aufrecht an meinem Platz stehe
und wanke nicht, auch wenn die Stürme toben.

Gib, dass aus mir sich Äste frei erheben,
oh meine Kinder, Herr, lass sie erstarken
und ihre Zweige recken in den Himmel.

Gib Zukunft mir, und lass die Blätter grünen
und nach den Wintern Hoffnung neu erblühen,
und wenn es Zeit ist, lass mich Früchte tragen.

Herr, wie ein Baum sei vor dir mein Leben.
Herr, wie ein Baum sei vor dir mein Gebet

(Lothar Zenetti)
 

Liedvorschlag

Es ist ein Ros entsprungen   EG 30

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Unsere Wurzeln - unsere Kraft
Wurzeln geben Halt und einen festen Stand. Wurzeln geben Sicherheit und sie erden uns. Wurzeln transportieren aber auch Wasser und Nahrung, sie nähren…
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