Monatsandachten

Andacht Juli 2020

Die Gedanken sind frei

„Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit.“ (2. Kor 3,17)

„Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten?
Sie fliegen vorbei wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen,
Es bleibet dabei, die Gedanken sind frei.“

Die meisten von uns kennen diesen Vers auswendig und können ihn sofort mitsingen. Wir schmunzeln, denken an kleine persönliche Geheimnisse und sind froh, dass keiner unsere Gedanken lesen kann. Doch es ist auch ein politisches Lied. Es greift die Erfahrung auf, die Freigeister, Dissidenten und religiöse Minderheiten an vielen Orten der Welt und zu allen Zeiten erlitten haben und bis heute erleiden. Überall, wo Menschen über andere Macht ausüben und sie in ihrer Freiheit beschränken wollen, wird dieses Lied verstanden. Zugleich beschreibt es den Trost und die Hoffnung, dass allem zum Trotz der innerste Kern des Menschen, seine Gedanken und seine Würde Bestand haben. Christlich formuliert finden wir diese Überzeugung bei Paulus: „Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit.“ (2. Kor 3,17)

Paulus muss es wissen. Als Botschafter der neuen christlichen Lehre war er mehrfach unangenehm aufgefallen. Kurz gesagt passte der Staatsmacht seine ganze Richtung nicht. Paulus verbrachte Monate und Jahre in römischen Kerkern, aus denen es kein Entkommen gab. In den Zeiten seiner Gefangenschaft schrieb er Briefe an persönliche Freunde und an noch junge Gemeinden in Kleinasien. Und wenn er nicht schrieb, dann betete er oder sang Loblieder und bewahrte so im Gefängnis seine innere Freiheit. Mitgefangene, die das manchmal mitbekamen, waren davon schwer beeindruckt. Einmal, so heißt es, seien durch die Macht seiner Gedanken und Gebete tatsächlich Kerkertüren zersprungen und Mauern eingestürzt.

Man kann die Kraft der Gedanken einüben. Dafür gibt es erlernbare Techniken der Autosuggestion, es gibt Mantras oder „Einreden“, wie sie schon die Mönche der frühen Kirche verwendet haben.
Noch mehr Kraft gewinnen Gedanken jedoch dann, wenn sich Gott selbst mit ihnen verbindet durch seinen Geist. Dann können Dinge passieren, die menschlich nicht mehr erklärbar sind. An dieser Hoffnung halten Menschen fest, denen außer der Freiheit ihrer Gedanken nichts geblieben ist.

Wer an Paulus im Gefängnis erinnert, muss darum auch an die etwa 200 Millionen Christinnen und Christen erinnern, die heute weltweit einem hohen Verfolgungsdruck ausgesetzt sind. Ihre Schicksale sind denen in der Zeit des römischen Reiches vergleichbar. Viele dieser Menschen haben keine Möglichkeit, sich zum Gottesdienst zu versammeln oder eine Bibel zu lesen. Es kann sehr schwer werden, die innere Freiheit zu bewahren, wenn der Druck von außen zu groß wird. An diesen Glaubensgeschwistern sehen wir, wie wenig selbstverständlich eine gelebte Religions- und Gedankenfreiheit auch in unserer Zeit ist.

 „Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit“ las ich neulich in schwungvoller Schrift über der Kanzel einer neu ausgestalteten Dorfkirche im Hunsrück. Der Schriftzug in einem zarten Pastellton zieht sich auf der rechten Seite der Kanzel von unten nach oben bis unter das Dach der Kirche. Der Blick wird an der Kanzel vorbei gelenkt, nach oben zum Himmel, hinaus ins Weite. Der geschlossene Raum der alten Dorfkirche öffnet sich so für Gottes Wort und seinen Geist, der sich in kein System einsperren lässt, in keine Theologie, in keine Kirche oder Konfession. Die Botschaft, die ich vernommen habe, lautet: Lass dich mitnehmen von Gottes Geist, wohin er dich führen will. Es wird ein Ort der Freiheit sein. (Margit Büttner)

(in: Evangelische Frauenhilfe im Rheinland (Hrsg.), Andachten 2020. Fürchtet euch nicht! 24 Andachten durch das Kirchenjahr)
 

Gebet   (Psalm 31, EG 715.1)

Herr, auf dich traue ich,
lass mich nimmermehr zuschanden werden,
errette mich durch deine Gerechtigkeit!

Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends!
Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!

Denn du bist mein Fels und meine Burg,
und um deines Namens Willen wollest du mich leiten und führen.

Du wollest mich aus dem Netze ziehen,
das sie mir heimlich stellten;
denn du bist meine Stärke.

In deine Hände befehle ich meinen Geist;
du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.

Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte,
dass du mein Elend ansiehst
und nimmst dich meiner an in Not

und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes;
du stellst meine Füße auf weiten Raum. Amen
 

Liedvorschlag

EG 396, 1.2.6   Jesu, meine Freude

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