Monatsandachten

Andacht Mai 2021

Vom Geist der Freiheit

„Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.
Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“ (2. Kor 3, 6+17)

Pfingsten, das ist das Fest, an dem die Jünger*innen von jetzt auf gleich das Bekenntnis ihres Glaubens in viele fremde Sprachen übersetzen konnten. Das verblüfft nicht nur mich als Dolmetscherin, sondern auch die damaligen Ohrenzeug*innen, von denen einige angesichts der plötzlichen Vielsprachigkeit spotteten: „Sie sind mit Federweißem abgefüllt.“ (BiGS, Apg 2,13) Dennoch, die Zuhörenden waren so beeindruckt, dass viele die Botschaft annahmen. Den Jünger*innen war es gelungen, sie für die Menschen ihrer Zeit verständlich zu machen.

Der katholische Theologe Prof. Beinert sagte einmal in einem Interview: „Das größte Problem der Kirchen ist wahrscheinlich das Sprachproblem. Es hilft ja nichts, wenn einer eine Botschaft hat und sie nicht ausdrücken kann, jedenfalls nicht so, dass sein Gesprächspartner sie versteht…Die Kirchen müssten ... ein ganzes Dolmetscherbüro unterhalten, um ihre Botschaft allen zu vermitteln.“

Aus beruflicher Erfahrung weiß ich, dass Dolmetschen und Übersetzen Balanceakte sind zwischen ausreichender Nähe und notwendigem Abstand zum Text. Wer zu sehr am Buchstaben klebt, verliert genauso leicht den Überblick über Inhalt und Absicht des Textes, wie der, der sich zu weit von ihm entfernt. Wortwörtliches Übersetzen führt oft zu Sinnentstellungen. Wer schon einmal eine Übersetzer-App benutzt hat, kennt das. Ein Beispiel: Ich las einmal online eine Rede von Rowan Williams, dem ehemaligen Erzbischof von Canterbury. Er sprach von der Kirche als „a company of unlikely people...“,sinngemäßeine Gemeinschaft unterschiedlichster Menschen, vereint im lebendigen Leib Christi“. Was macht die Google-Übersetzung daraus: „...eine Firma der unwahrscheinlichen Leute...“

Jede Übersetzungssoftware hat ihre Grenzen. Die Freiheit zur Deutung hat sie nicht. Dazu fehlt ihr der Geist. Sie ist an ein vorgegebenes Vokabular, an den Buchstaben gebunden.

In 2. Kor 3,6 warnt Paulus die Christ*innen davor, dem Buchstaben und nicht dem Geist zu dienen: „Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“ Paulus sieht uns als Brief Christi, „geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln, nämlich eure Herzen“. (2. Kor 3,3)

Unser sprichwörtlich wankelmütiges Herz dient dem Geist des lebendigen Gottes als Schreibpapier. Eine Massen-Wurfsendung kann das nicht sein. Wir müssen davon ausgehen, dass der Geist des lebendigen Gottes jedes dieser Menschenherzen einzeln beschreibt, den Text jedes Mal neu formuliert, ja womöglich innerhalb eines Menschenlebens auch mal umformuliert.

Ein starres Vokabular, das Kleben am Buchstaben, begrenztes Denken passen nicht dazu. Im Umgang Gottes mit seinen Menschen herrscht eine große geistige Beweglichkeit; Freiheit von alten Denkmustern und Freiheit für neue, weite Räume, für bisher unentdeckte Fähigkeiten.

Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig, so lebendig, dass die Jünger*innen plötzlich mit Fremden in deren eigener Sprache kommunizieren konnten. Eine Fähigkeit, die wie kaum eine andere hilft, Vorurteile und enge Horizonte zu überwinden.

„Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“

Es lohnt sich, diesem befreienden und lebendig machenden Geist nachzuspüren, im eigenen Leben und in dem anderer.
Ich bin ihm begegnet, auch in der Frauenhilfe. Da fanden Frauen in den späten Jahren ihres Lebens die Kraft, ihre persönlichen Kriegs- und Fluchtgeschichten zu erzählen; wie sie, obwohl traumatisiert, ins Leben zurückfanden, Familien gründeten und wieder lernten, die Gebete ihrer Kindheit zu sprechen und die Lieder ihres Glaubens zu singen. Diese Frauen wurden für mich zu Briefen Christi und Dolmetscherinnen der Freiheit, die da ist, wo der Geist des Herrn ist.

Brigitta Müller-Osenberg
(in: Evangelische Frauenhilfe im Rheinland (Hrsg.), Andachten 2021. Vom Geist der Freiheit. 24 Andachten durch das Kirchenjahr 2020/ 2021)


Gebet

Mach alles neu!
Durch Dich
Heiliger Geist
Kann alles neu werden
Gib uns neue Gedanken
Und lass uns das Undenkbare denken
Gib uns neue Gefühle
Und lass uns das Unbegreifbare fühlen
Gib uns neue Taten
Und lass uns das Unmögliche tun
Gib uns ein neues Herz
Und lass uns dem Unfassbaren Raum geben
Mach alles neu
Und lass uns Deine neue Welt sein
Hier auf Erden
(Anton Rotzetter, Gott der mich atmen lässt, Herder 1994, S. 91)     
   

Lieder

EG 663   Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer
EG 568   Wind kannst du nicht sehen
EG 600   Meine engen Grenzen

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